Aufklärung II: Eine Frage an die Leser

Inhaltswarnung: sexualisierte Gewalt, r*pe culture.

Heute morgen habe ich erst entdeckt, dass dank einer Verlinkung bei der Mädchenmannschaft noch einige Kommentare unter meinen Text über Aufklärung (die über Sex, nicht das Zeitalter) gepostet wurden. Danke für’s Teilen eurer Perspektiven und Erfahrungen! Die Erzählungen machen deutlich, wie rape culture weibliche Sexualität mit-konstruiert. Das gibt zu denken. Mir geht es übrigens dabei nicht darum zu sagen, dass es falsch ist, Mädchen über die Gefahr sexualisierter Gewalt aufzuklären und es besser wäre, eine flauschige Bubble aufzubauen. Ich versuche für mich zu ergründen, wie das Thema Gewalt in das Sprechen über Sex eingewoben ist und was das mit uns macht.

Ich bin neugierig geworden und frage mich auch, wie das eigentlich bei Jungs ankommt. Vielleicht haben ja von den Lesern welche Lust, ihre Erinnerungen zu schildern. Ihr habt ja in der Regel den selben Unterricht erlebt und die selben Fernsehsender gesehen. Was machen diese Erzählungen mit jungen Männern? Wie habt ihr die Aufklärung, das Sprechen über Sex und die Repräsentationen davon wahrgenommen?

Mich interessieren Erfahrungen, wie sie auch in den Kommentaren (Triggerwarnung) unter dem anderen Text geschildert worden sind. Also seid so gut und postet keine allgemeinen Ausführungen und Einschätzungen zum Thema und keine Kommentare, die nur aus Lösungsvorschlägen bestehen. Danke.



10 Responses (Add Your Comment)

  1. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind ziemlich klar und eindeutig. Aufklärung traf mich zum Zeitpunkt als ich wie der Held Hermie in einem Kult Jungen Buch auf einem Stacheldraht saß und nicht wußte auf welcher Seite ich herunterfalle, “ entweder als Tough male guy oder als Homo“ (Hermann Raucher, „Frühling einen Sommer lang“). Was ich damit klar sagen will, Ich war vollauf damit beschäftigt meine Eigene innere Natur zu finden, und die andere Hälfte der Menschheit hat keine klare konturen, sondern war eine wolkige Irritation, ein gesichtsloses Phantasma, von dem ich mich daher tunlichst eher fern hielt. Vergewaltigungsphantasien, Fehlanzeige, eher sehr viel Respekt.

  2. Möglicherweise war ich sehr naiv oder behütet. Ich habe gelernt/erzählt bekommen, dass Mädchen „aufpassen“ müssen (in der Nacht, alleine, usw) aber nicht, warum oder wovor. Vergewaltigung wurde mir mit „jemanden zum Sex zwingen“ (in meinem Kopf war das „mit Waffengewalt“) erklärt.

  3. Was mir am meisten im Gedächtnis geblieben ist, dass die Art und Weise, wie uns all das vermittelt wurde „die Männer, „die Frauen“, das alles schien zu dem Zeitpunkt nichts mit uns Schülern zu tun zu haben.

    Nie ging es um „uns“, wir wurden nie direkt angesprochen oder irgendwas in der Richtung erzählt wie „und wenn ihr merkt, dass xyz, dann abc“. Es war einfach wie eine weitere Biologiestunde über irgendeine entfernte Spezies Mensch und ihr reproduktives System. Kein Wort darüber, wie sich irgendwas davon anfühlen können würde, was Sexualität eigentlich bedeuten, wie sie empfunden werden und gelebt werden kann. Entsprechend gab es dort auch keine Möglichkeit, Übergriffigkeit zu besprechen oder als Problem sichtbar werden zu lassen. Etwaige ‚Vorsichtsmaßnahmen‘ traten immer außerhalb dieses Themas auf, wie eine versteckte Selbstverständlichkeit, eben genau diese Floskel, nicht zu fremden Menschen ins Auto zu steigen usw.

    Besonders bewusst, wie sehr Tabuisierung dafür sorgt, das alles diffuse und unbekannte (Sexualität und sexualisierte Gewalt) näher zusammen rückt statt differenziert zu werden, wird mir das jetzt auch durch das Lesen von Carolin Emcke — „Wie wir begehren“, kann ich hier echt sehr empfehlen.

  4. In der Schule war Aufklärung Teil des Bio-Unterrichts und hat mich, soweit ich mich erinnere, zu einem Zeitpunkt erwischt, wo ich damit sehr wenig anfangen konnte — warum bringt der Biolehrer, der sonst so coole Dinge über z.B. den Zellaufbau erzählt, jetzt plötzlich zu beschriftende Schnittbilder über menschliche Geschlechtsorgane? Meint der das ernst? Also damals ganz weit weg von mir; ich war vermutlich noch zu jung. Viel mehr an schulischer Aufklärung erinnere ich jetzt nicht. (Und Bravo etc. fand ich auch immer peinlich, wollte damit nichts zu tun haben …) ((Ach doch: AIDS, Schwangerschaften — und was dagegen getan werden kann, also Verhütung; ebenfalls sehr technisch …)))

    Auf der anderen Seite, ein paar Jahre später, gab es dann im politischen Kontext (Jugendorga.) und an der Uni zwei sich widersprechende Botschaften, die ich zusammen als ziemlich lähmend empfunden habe: auf der einen Seite eine nostalgische Verklärung von „freier Liebe“/68 und Experimenten, und auf der anderen Seite im Genderkontext sowas wie „alles, was nicht explizit vorher abgeklärt wurde, ist eine definitiv zu vermeidende Grenzüberschreitung“. Was mich ziemlich einschüchterte, aber mich auch sprachlos machte — Begehren auszusprechen wäre ja fast schon übergriffig — also passiv bleiben und warten …

  5. Ich kann mich leider kaum noch an meine Aufklärung(en) erinnern, was möglicherweise auch damit zu tun hat, dass ich ebenfalls in diesen Momenten nicht verstanden habe, was das mit mir zu tun haben soll.

    In der Grundschule wurde, das weiß ich noch, die ganze Story von den Männern in den Autos erzählt, die Kinder mit Süßigkeiten anlocken. Es gab eine Schallplatte mit einem Lied vom „Weißen Ring“ der uns darauf aufmerksam machen sollte. Was diese Männer vorhaben, war mir nicht klar. Ich glaube, ich habe mir damals eingebildet, dass sie Kinder entführen und meine Eltern dann Lösegeld zahlen müssen.

    Später im Gymnasium erinnere ich mich nur noch an einen Lehrfilm und dass ich damals schon aufgeklärt war, vermutlich durch meine Eltern und Halbwissen aus Bravo und Freunde.
    Diesen Lehrfilm (von „Krüger audio-visuell“) fanden wir Jungs eher belustigend. Die Mädchen waren in meiner Erinnerung eher beschämt, aber ich habe damals auch nicht verstanden, warum. (Vielleicht waren wir alle beschämt und haben es nur unterschiedlich dargestellt.)

    Was mir aber im Kopf geblieben ist: Ein Blick zwischen die Schenkel einer nackten Frau. Es fliegen immer wieder animierte Pfeile ins Bild, zeigen auf das aktuell vom Sprecher beschriebene Körperteil und kreisen dann darum. Etwas surreal, eine Vulva mit darum kreisenden Sonnenstrahl-Pfeilen.
    Wahrscheinlich war das bei der Beschreibung der männlichen Organe genau so und einfach der Style dieser Schulfilmfirma, aber die Art und Weise, wie die Pfeile da phallisch hereinfliegen, das war schon merkwürdig.

  6. Ich erinnere mich tatsächlich fast gar nicht mehr im Detail daran wie in der Schule das Thema sex vermittelt wurde. Ganz grob sind mir noch die Fetzen von einigen „Aufklärungsfilmen“ in Erinnerung geblieben, aber ich weiß nicht mehr wie wir als Klasse reagiert haben.

    Mir ist als Junge der sich für Jungs interessiert hat v.a. ein Film in Erinnerung geblieben, der 2 Jungs gezeigt die sich bei einem Camping-Ausflug näher gekommen sind (auch wenn keine Details zu sehen waren). Die Botschaft des Films war, dass es nicht schlimm ist mit nem anderen Jungen rumzufummeln und du deshalb noch lange nicht Schwul bist. Darum, dass es nicht schlimm wäre Schwul zu sein ging es leider nicht.

    Worann ich mich noch gut erinnere sind die vielen Stunden einer sehr technischen Vermittlung von Geschlechtskrankheiten und der Gefahr von Schwangerschaften. Da war unser Lehrerin schon wichtig, dass es auch die Sache von Jungs ist sich da sorgen zu machen und zu verhüten, aber es ging halt hauptsächlich um den Zusammenhang von Sex und Gefahr.

    Der einzige Punkt bei dem es etwas anders war war Selbstbefriedigung. Da erinne ich mich dran, dass es da die klare Botschaft gab „Das ist schön“ „lern euren Körper kennen“. Vielleicht lag das auch mit daran, dass ich an einer relativ „linken“ Gesamtschule war.

    Ich erinnere mich nicht mehr daran wie wir im Natur-Unterricht über sexualisierte Gewalt geredet haben. Ich glaube mehr Details gabs für die Mädchen in der Zeit wo wir Geschlechtergetrennte Stunden zu Sexualkunde hatten. Bei mir ist damals hängen geblieben, dass das nichts mit mir zu tun hat. Nur Mädchen werden Opfer. Und als Mädchen oder ähnlich als Schwul zu gelten, davor musste ich schon aufpassen in der Schule, grad auch weil ich Außenseiter war und ohnehin viel geärgert wurde.

    Inhaltswarnung: sexualisierte Gewalt
    Als ich dann mit 15 von dem ersten mit dem ich geschlafen hab vergewaltigt wurde war auch klar, dass ich das verdrängt hab. Bzw. ich wusste schon manchmal noch was passiert ist, aber ich konnte mir nicht mal die Frage stellen, ob da jemand mich verletzt hat. Ich hab mich nur dafür geschämt, dass ich das schrecklich fand und mich innerlich gewährt hab. Junge bzw. Mann und Opfer sein das ging nicht zusammen. Ich hätte das auch niemandem erzählen können. Eine Möglichkeit damit zumindest Unbewusst irgendwie umzugehen war, dass ich dann im Zuge meines Comming Outs — was gleichzeitig war angefangen hab diese Männer-Rolle ein wenig in Frage zu stellen. Also Röcke und Nagelack in der Schule zu tragen z.B.

  7. Wir hatten in der 4. Klasse (Hamburg,muss 2000/2001 gewesen sein) „Sexualkunde“. Ich erinnere vieles nichtmehr. Einiges ist mir aber im Kopf geblieben.

    Wir wurden getrennt „belehrt“. Ich konnte das damals nicht verstehen. Warum wird der gesamte Unterricht zusammen gehalten, bei der Sexualkunde aber nach Jungs/Mädels getrennt? Bei uns an der Schule war es also eben nicht der Fall, dass „in der Regel den selben Unterricht erlebt und die selben Fernsehsender gesehen“ wurden.

    Uns wurde zuallererst erklärt was denn die Männlichen Geschlechtsorgane bedeuten und wofür diese denn da sind. ES wurde eine reiner Reproduktionsmechanismus erklärt. Die Bilder von heranwachsenden Körpern in den Bäuchen von Frauen die uns damals gezeigt wurden blieben im Gedächtnis. Viel später sah ich mal ein Bild von HR Giger was mich sofort an dieses Poster aus der Grundschule erinnerte. Erst im Nachhinein sah ich den Titel „Gebärmaschine“. Das war auch alles.

    Liebe, geliebt-sein und der Sex an sich wurde nie Thematisiert. Fernsehen hatten wir zu der Zeit nicht zuhause.

    Verstanden hatte ich den Unterricht nicht.

  8. In meiner Schulzeit war Sexualität etwas, das eng mit Männergewalt verknüpft war. Zum einen die Vergewaltigungsgeschichten, die ausschließlich Mädchen und Frauen zu betreffen schienen, aber auch die Darstellungen und Geschichten in meinem Umfeld (Familie, Freunde, Schule) waren geprägt vom „dominanten Mann der sich die Frau holt die er möchte“. Stories, in denen Typen Mädchen zum Sex überredet (oder möglicherweise auch überwältigt hatten), kursierten regelmäßig, ohne dass dies als etwas fragwürdiges betrachtet wurde. Eine wichtige Quelle meines gleichaltrigen Umfeldes und meiner selbst war zudem Pornographie, dessen Sex typischerweise deutliche Machtgefälle zwischen Mann und Frau darstellt. Sex schien für mich ein Gewaltverhältnis zu sein, verstärkt noch durch die Vergewaltigungen, die ich selbst in meiner Familie erdulden musste, prägte dies mein Bild nachhaltig, was ich erst Jahre später realisierte. Erst nachdem ich meine Familie und das Schulumfeld verlassen konnte, gelang es mir langsam überhaupt eine Vorstellung zärtlicher Sexualität zu entwickeln. Da ich nie ein typischer „Mann“ war und sein wollte, fühlte ich mich der Rolle, die von mir erwartet wurde, nicht gewachsen. Und ich bin sehr froh, dass ich mich davon nicht habe leiten lassen.

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