Nachwehen bei der taz

Er trägt Bart und einen Babybauch: Der Transsexuelle Thomas Beatie wird demnächst ein Baby gebären. Aber ist er Vater oder Mutter des Kindes? VON CIGDEM AKYOL & ARNO FRANK

So fing er an, der viel diskutierte Pro & Contra Text über Thomas Beaties Schwangerschaft in der tageszeitung vom 2. Juni dieses Jahres, über den ich hier geschrieben habe. Gegen den Text von Arno Frank wurde Beschwerde beim Deutschen Presserat eingelegt und dieser hat eine Missbilligung ausgesprochen.

In der heutigen Ausgabe lassen verschiedene taz Redakteur_innen das Jahr Revue passieren „blicken zurück auf zwölf Monate voller Verluste und Gewinne, küren ihre Männer und Frauen des Jahres und bekennen sich zu ihrer persönlichen Ökobilanz. Das Jahr 2008 – noch einmal mit Gefühl!“ (leider nicht online)

Für Cigdem Akyol, Redakteurin bei tazzwei und Autorin des „Pro“-Textes ist Thomas Beatie der Mann des Jahres, denn er „zeigt der Welt, dass es im Leben tausend Grauschattierungen gibt. Respekt!“

Arno Frank, Leiter des Ressorts tazzwei, zieht eine andere Lehre aus der Affäre und antwortet auf die Frage „Geld oder etwas anderes verloren?“

Nee, nur meinen Respekt vor den Clowns beim deutschen Presserat. Die müsste man mal richtig durchgendern …

Durchgendern. Dieser Mann ist Ressortleiter für den Kulturteil einer sich linksalternativ positionierenden Tageszeitung. Ich fass‘ es nicht!

We can haz Jon Stewart plz?

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Liz Lemon zählt 30 Rocks

Wie süß! Die Sesamstraße hat 30 Rock verbraten. Das ist eine meiner derzeitigen Lieblingsserien. Via Jezebel

Bill O’Reilly bei Jon Stewart: Tradition und Anarchie

Trotz offensichtlicher Widersprüche verbinden sich fortschrittsgläubiger Neoliberalismus und bewahrender Konservativismus in den Köpfen Vieler zu einem Konglomerat der Weltanschauung. Ein schillerndes Beispiel dafür ist Bill O’Reilly, amerikanischer Talk-Radio Moderator, Autor und Host von The O’Reilly Faktor auf Fox News. Zurzeit promotet O’Reilly sein neues Buch „A Bold Fresh Piece of Humanity“. Bei den Damen von The View brachte der selbsternannte Culture Warrior seine sexistische Seite zur Geltung, und bei seinem Besuch in der Daily Show mit Jon Stewart kam es wie erwartet zu einem ansehlichen Schlagabtausch zwischen Rechts und Links. Da konnten auch die heiße Schokolade mit Marshmellows und der kleine, weiße Teddy nicht helfen, die Stewart O’Reilly zur Beruhigung seiner Nerven schenkte. O’Reilly hat anlässlich der Wahl Barack Obamas zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten mal wieder Angst vor der Regierung in Washington. „I don’t trust any of these guys. (…) The whole federal government frightens me. There is not anything about it that i like. I am an anarchist. Power to the people!“

Aber wie kann ein Anarchist ein Konservativer sein? Von Jon Stewart auf seine Aussage angesprochen, Obama müsse anerkennen, dass die USA ein „center-right country“ seien und entsprechend regieren, entwickelt sich eine kleine Diskussion über Tradition, in der Jon Stewart die Meinung vertritt, die wichtigste Tradition Amerikas sei die Weiterentwicklung individueller Freiheiten: „You know what the tradition of America would say? Gay marriage is the next step in the progression of individual freedom. Thats the tradition in America. You’re missrepresenting the tradition.“ Wäre O’Reilly einfach nur ein extremer Liberaler, gäbe es vielleicht überhaupt keine ethischen Grenzen mehr. Warum nicht Sexualität nur noch über den Markt organisieren? Das funktioniert doch sonst so gut … Um nicht völlig außerhalb von allem zu stehen, was verstehbar ist, braucht ein Anarchist wie O’Reilly eine starke, konservative Komponente. Er muss seine Weltsicht irgendwie rationalisieren, sonst würde er sich selbst nicht mehr ertragen. Freiheit ist zwar ein hohes Gut für Leute vom Schlage O’Reillys, aber keineswegs ein universelles. Menschen, die in das Weltbild dieser Mixtur aus Libertarismus und Konservativismus nicht passen, wie zum Beispiel “the self proclaimed lesbians“ mit dem Foto im Schuljahrbuch, haben Pech gehabt, denn O’Reilly gibt so augenzwinkernd wie unverfroren zu: „I just want power to the people I like. See, I’m an anarchist with an agenda.“ Freiheit. Was bist du nicht für ein schöner, leerer Signifikant?

Sie ist da!

das missy magazin liegt auf meinem schreibtischDas Glück der Abonnentin! Die Erstausgabe des Missy Magazins lag heute schon im Briefkasten. Erster Eindruck nach dem Durchblättern: Sieht aus wie die Intro, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass ich Lust habe, die Texte zu lesen. DIY, Mode, Popkultur, Politik, Sex, eine Kolumne von Verena Kuni, eine Würdigung von Paris Geller, Nerdmode, Vibratorkauf. Am Montag ist das Heft im Handel ist. Ich werde bis dahin schon viel darin gelesen haben, und nach der ersten Begeisterung vielleicht zu einer kritischen Betrachtung fähig sein. Danke, Team Missy!

Taz Kommentar zu Thomas Beatie — Verstoß gegen Pressekodex?

Als in der vergangenen Woche in der Taz ein Pro/Contra Artikel zur Schwangerschaft von Transmann Thomas Beatie erschien, löste der Text von Arno Frank zur Frage, ob Beatie nun Vater oder Mutter sei, eine Vielzahl von Reaktionen aus. Obwohl die Taz auf dem Küchentisch lag, erfuhr ich über den Text zunächst über diverse Mailinglisten. Auch in Blogs wie yeahpope, andersdeutsch und bei Till Westermayer wurde das Thema kritisch aufgegriffen.

Der Text von Frank, den ich an dieser Stelle nicht zitieren möchte, löste Proteste aus: In der Leserbriefspalte der Taz am Wochenende war Franks Text das einzige Thema, und alle Leserbriefschreiber_innen bezogen Stellung gegen die diskriminierende und patologisierende Polemik des Autors. Auf der Webseite der Taz waren nach erscheinen des Textes zunächst drei Leser_innenkommentare zu sehen. Ich hatte selbst einen Kommentar hinterlassen, aber zu diesem Zeitpunkt wurden vermutlich zunächst keine weiteren Kommentare mehr freigeschaltet. Der Zählerstand blieb in den nächsten Stunden auf 3. Heute habe ich die Seite noch einmal aufgerufen, und jetzt sind dort 40 eingegangene Kommentare zu lesen (meinen aber nicht *seufz*). Anscheinend war die Zahl der Leser_innenreaktionen hoch genug, um den Redakteuren dort einiges an Arbeit zu machen.

Lukas hat in seinem Blog angeregt, beim Deutschen Presserat Beschwerde gegen den Text von Arno Frank einzulegen:

Sowohl der Autor als auch die Taz selbst, verstößt mit dem Verfassen und Abdrucken dieses Artikels gleich gegen mehrere Ziffern des Pressekodex und zwar gegen:

Ziffer 1 — Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde
Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.

Ziffer 9 – Schutz der Ehre
Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen.

Ziffer 12 – Diskriminierungen
Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.

Das ist ein bedenkenswerter Vorschlag, wie ich finde. Ich hoffe ja noch darauf, dass die Taz von sich aus zu dem Thema noch einmal Stellung nimmt, und die negativen Reaktionen auf Franks Artikel selbstkritisch aufgegriffen werden. Eine Entschuldigung wäre angebracht. Bisher habe ich in dieser Richtung aber leider noch nichts gelesen.

Wenn zwischen Natur und Mutterglück die Atombombe steht


Letztes Woche sah die deutsche Blogosphäre ja kollektiv Menschen bei Maischberger, wo Sascha Lobo was zur Rente sagte und eine gute Figur machten. Das Thema dieser Woche wird in diesen Kreisen auf weniger Interesse gestoßen sein: Pille, Viagra, Designbabys: Kommt die nächste Sexrevolution?

Es ging um die „Zweite Sexuelle Revolution“. Nachdem bei der ersten sexuellen Revolution Sex und Fortpflanzung durch die Pille getrennt worden seinen, könne zukünftig durch künstliche Befruchtung … ja was eigentlich? Das würden die Gäste sehr unterschiedlich beantworten. Die Frauenärztin, Naturheilkundlerin und gläubige Katholikin Dr. Gabriele Marx würde vermutlich sagen, dass der Natur und Gottes Werk ins Handwerk gepfuscht werden könne, während Felicitas Schirow, die mit 50 ihr erstes Kind bekam, und die Psychoanalytikerin Isabella Manuela Torelli, die zusammen mit ihrer Lebenspartnerin zwei Kinder hat, davon sprechen würde, dass Wünsche erfüllt und mehr Freiheit erreicht werden können.

Der Sendung war erkennbar eine Dramaturgie zu Grund gelegt: Erst ging es um ältere Frauen, die Mütter werden, dann um Lesben, die Mütter werden und schließlich – per Einspieler – um einen schwangeren Mann. Da sollte wohl eine Steigerung der Abnormalitäten aufgebaut werden. Spiegel Online titelte dementsprechend: Im Gruselkabinett der Dr. Sandra M.

Traurig, und kaum zu ertragen, was an transphoben Bemerkungen alles zu hören war. Allen voran Frau Marx, die generell die Meinung vertrat, dass Menschen, die keine Kinder auf „natürlichem“ Weg bekommen können – egal ob Hetero– oder Homosexuell, – dies als „Opfer“ für ihren devianten Lebenwandel erbringen müssen. Maischbergers Fragen an die Psychanalytikerin unterstellten, dass Kinder von Transpersonen zwangsläufig eine psychische Störung davon tragen. Und irgendwann kam der Atombombenvergleich: Nicht alles, was technisch machbar sei, sollte der Mensch auch tun. Schade auch, dass die Debatte über Geschlechterrollen, die immer wieder aufkam, letztlich nicht geführt wurde. Es wäre bitter nötig gewesen, doch zum Ende der Sendung erfolgte statt dessen ein Themenschwenk auf Viagra. Alles in allem eine ziemlich vergeigte Sendung.

Menschen bei Maischberger wird am Samstag, dem 17. Mai, um 0.10 Uhr auf 3sat wiederholt.
Die Überschrift habe ich schamlos von einer Freundin geklaut, deren Talent in Sachen Headline nicht ungenutzt bleiben sollte.

Blogs lesen schützt manchmal vor Enten

In der MOPO durfte ich gestern selbst lesen, dass bald alle fremdsprachigen Fernsehsendungen untertitelt ausgestrahlt würden. Da ich vorher schon diesen Artikel bei Behindertenparkplatz gelesen hatte, war ich mir sicher, dass es sich um eine Falschmeldung handelt. In Wirklichkeit geht es gar nicht darum, dass Synchronisation wegfallen soll, sondern

Was die EU wirklich will ist, die Untertitelung in öffentlichen-rechtlichen Sendern sicherstellen, damit auch gehörlose und schwerhörige Zuschauer sich umfassend informieren können. (Behindertenparkplatz)

Oder noch mal anders ausgedrückt: Es geht um die Untertitelung insbesondere der deutschsprachigen Programme von ARD, ZDF und den Dritten. Die Synchronsprecher werden gar nicht alle arbeitslos. Bei Stefan Niggemeier finden sich jede Menge Ausrisse aus Zeitungen, die alle die Fehlmeldung übernommen haben. Ausgangspunkt war übrigens die Presseagentur AFP:

… was machen deutsche Medien mit einer Meldung, die total unwahrscheinlich ist und nach einem Aprilscherz klingt? Richtig: Man recherchiert sie erst einmal nach druckt sie sofort ungeprüft nach. (Stefan Niggemeier)

Schon wieder Claudia Roth-Content

Eins muss ich zum meiner gestrigen SpOn-Lektüre noch loswerden. Das Claudia Rot-Bashing im Artikel über die Bütikofer-Nachfolge geht ja wohl gar nicht klar. Im Teaser wird sie als „Kollateralschaden“ bezeichnet. Diese Vokabel zeugt in zweierlei Hinsicht von schlechten Stil. Am Ende des Textes, in dem es um die Personalpolitik der Grünen geht, steht dann dieser Absatz:

Und dann gibt es noch ein gewichtiges Argument dagegen, Bütikofers Job zu übernehmen. Es lautet: Claudia Roth.
Die Begeisterung, an ihrer fröhlich-drallen Seite („Ich liebe die Türkei und ihre Konflikte!“) in den nächsten Wahlkampf zu ziehen, hält sich bei allen vorstellbaren Kandidaten in engen Grenzen, wie man hört.“ (Hervorhebungen von mir)

Vielen Dank, Claus Christian Malzahn, für diese grundlegende Auseinandersetzung mit Roths Politikstil!

Franzen über die Vorwahlen

Der großartige Jonathan Franzen spricht mit der Welt-Online über die Vorwahlen in den USA. Das ist einen Link wert, auch wenn es ein bisschen schade ist, dass Franzen das „schwarzer Mann oder weiße Frau“-Spiel nicht durchbricht und dabei ein sehr statisches Verständnis von Geschlecht an den Tag legt.

Schwarze Männer haben in Amerika das Wahlrecht – wenigstens in der Theorie – viele Jahrzehnte vor den Frauen bekommen. In der Welt der Großunternehmen, ganz besonders an der Spitze, gibt es für schwarze Männer weniger Barrieren als für weiße Frauen. Und das Geschlecht ist, biologisch gesprochen, eine viel schärfere Trennlinie als die Rasse. Selbst in einer ethnisch vielfältigeren und gemischteren Welt bleiben Männer Männer und Frauen Frauen. Niemand hier sagt, dass Obama dem Job nicht gewachsen ist, weil er schwarz ist. Aber man hört immer noch Leute sagen, dass eine Frau als Präsident keine gute Idee sei.

Neben dem Interview sei noch ein Blick auf die Kommentare empfohlen … Erheiterung, Grusel, für jeden was dabei.

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