SIGINT10 — Mit dem Blick zurück nach vorne

Die SIGINT ist eine vom Chaos Computer Club veranstaltete Konferenz, die am Pfingstwochenende zum zweiten Mal stattgefunden hat. Im Vergleich zum Chaos Communication Congress in Berlin hat die SIGINT einen stärkeren Fokus auf die gesellschaftspolitischen und philosophischen Fragen der Netzkultur. Die bestimmenden Themen waren wie erwartet Urheberrecht, Datenschutz, Überwachung im öffentlichen Raum und der 2011 anstehende Zensus.

Ob das Motto jetzt „Burn the land and boil the sea – You can’t take the sky from me“ lautet oder es im Call for Papers heißt „the world of atoms and the world of bits operate on completely different levels.“ – der Leitsatz des ersten SIGINT Tages war „Das ist doch jetzt auch nichts vollkommen Neues“. Genau dieser Satz kam in jedem der Vorträge, die ich mir am ersten Veranstaltungstag angesehen habe, auf. Die Netzdebatte hat sich weiterentwickelt. Hieß es bisher noch, dass „die Internetausdrucker“ „unsere“ Welt nicht verstehen, in der auf einmal alles anders sein wird, blickt man jetzt vermehrt zurück und versucht die Welt zu verstehen, in der und aus der sich Netzkultur, Netzpolitik und die Zukunft entwickeln. Ein gutes Beispiel dafür ist der Vortrag von Kai Denker. „Misstraue Autoritäten — fördere Dezentralisierung? Macht und Raum in virtuellen Welten“. Denker ist Dipl. Informatiker, promoviert in Philosophie, hat Poststrukturalisten gelesen und beschäftigt sich mit Machtfragen und der Internet-Raummetapher. Seine historischen, bei Foucault entlehnen Beispiele zeigen, wie in den heutigen Debatten über Netzsperren und Netzneutralität versucht wird, das Internet über Grenzziehungen zu regieren.

Die SIGINT ist die Theoriekonferenz des CCC. Hier werden Diskussionen geführt und Gedanken geordnet. So auch bei Stefan Mertens Input „On Bits and Pieces. How Information and Matter Are Similar“, der sich mit der im CFP formulierten Aussage, die Welt der Atome und die Welt der Bits funktionierten nach vollständig unterschiedlichen Prämissen, auseinander genommen hat. Mertens stellt die Rolle von Produktionsverhältnissen und damit von Gesellschaftlichkeit für materielle und informationelle Güter heraus. Die Frage, wie sich das ebenfalls aus den Produktionsverhältnissen resultierende Prinzip der Nicht-Rivalität (digitale Kopien, Peer-Production) sich auf die Welt der materiellen Güter übertragen ließe, stellte er zum Abschluss des Vortrags, eine Antwort blieb jedoch vorerst aus.

Materialistisch wurde es auch immer wieder in den Vorträgen der monochrom Mitglieder Frank Apunkt Schneider und Johannes Grenzfurthner. Schneider formulierte eine marxistische Kritik des Medienaktivismus. Das war mir zu sehr in einer Hauptwiederspruchslogik verhaftet und reproduzierte letztlich die kapitalistische Erzählung, es gäbe keine Alternative. Aber darum geht es ja: Einerseits müssen wir die gesellschaftlichen Verhältnisse, das System und die Machtverhältnisse bei unseren Analysen und Strategien in Anschlag nehmen. Andererseits aber auch den Blick dafür bewahren, dass sich Dinge verändern können und eben nicht alles gleich bleibt. Dabei wiederum darf aber die Tatsache, dass die Zukunft noch nicht die Gegenwart ist, nicht zum neuen Hauptwiderspruch werden.

Michael Seemanns (mspro) Politik der Plattformneutralität stand im Mittelpunkt der Keynote des Eröffnungstages. Er verbindet eine technische Argumentation und Bildsprache mit Zielen wie Abschaffung von Diskrimierung, Chancengerechtigkeit und dem Bedingungslosen Grundeinkommen, die seiner Beobachtung nach in Netzkultur nahen Kreisen diskutiert werden. Damit stellt sich die Frage, mit welchen gesellschaftlichen Kämpfen sich die Netzbewegung möglicherweise solidarisieren sollte.

Für eine solche Solidarität oder erstmal nur einen Blick über den eigenen Tellerrand ist es meiner Meinung nach wichtig, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Nick Farrs viel diskutierter Vortrag „Yes We Could: Hackers in Government“ scheint mir in die falsche Richtung zu gehen. Da ich nicht dabei war, verweise ich auf cupfigthers affirmative Zusammenfassung und die fundierte Kritik bei sophrosynos. Auch Die Zeit berichtet. Die SIGINT mausert sich mit ihrem diskursorientierten Programm zu einer wichtigen Veranstaltung in der netzpolitischen Szene und hatte – wie es sich gehört – auch ihre Genderdebatte. Dazu mehr im nächsten Text.

Flattr ist keine Umverteilung

Longtail, Monetarisierung, Aufmerksamkeit als Währung, blablup. Das Blog und der Nrrrdz-Podcast haben jetzt Flattr. Damit könnt ihr etwas Geld an mich/uns spenden, nach einem ganz charmanten System: Man zahlt einen Betrag x pro Monat ein, und der wird dann unter all denjenigen verteilt, auf deren Flattr-Button man klickt. Das Video erklärt das Prinzip.

Ich habe einer Freundin heute von Flattr erzählt. Sie hat richtigerweise darauf hingewiesen, dass das zwar eine Alternative zu Werbung ist, jedoch die gleichen Effekte haben wird: Die viel gelesenen, mainstreamigeren Projekte kriegen mehr Geld als Leute, die in und für Nischen produzieren. Nun ist Nische nicht mit sozialer Randgruppe gleichzusetzen, aber es würde mich zumindest nicht wundern, wenn ein gutes iPhone-Blog über Flattr deutlich mehr einnimmt als ein Blog, dass beispielsweise über Asylrechtsfragen informiert. Umverteilung war jetzt auch nicht das Ziel von Flattr. Es geht darum, Microspenden so einfach wie möglich abwickeln zu können, so dass auch bei den kleinen etwas ankommt. Ich finde die Idee gut, verteile gerne selbst ein bisschen Geld auf diese Weise und bin gespannt, wie viel dabei rumkommt.

Ich werde noch ein bisschen mit Plugins experimentieren, bis dahin findet ihr die beiden Flattr-Buttons rechts in der Spalte. Bisher ist Flattr noch nicht offen für alle. Ich habe aber noch einen Invitecode, der an den_die erste Kommentator_in geht, die_der Interesse anmeldet und eine gültige Emailadresse hinterlässt. Ansonsten könnt ihr euch auf der Flattr Website für eine Einladung eintragen.

Hackonomy bei der re:publica

Wie peinlich! Sich selbst beim Vortragen sehen und dann das ganze auch noch shamelessly promoten. Aber hey, für die Daheimgebliebenen … Dank Philip Steffan (robotporn, bausteln) gibt es einen Mittschnitt von Jens‘ und meinem Vortrag über Making, Crafting, Bausteln und ihr Verhältnis zum Kapitalismus.

Im Vortrag ging es uns vor allem darum, ein paar Fragen aufzuwerfen. Was ist dran an der Revolutionsrhetorik, die gerade überall auftaucht, wo über Making, DIY und co. geschrieben wird? Welche globalen Produktionsverhältnisse stehen dahinter, wie gestalten wir das gemeinsame Entwickeln und Produzieren von Dingen und wer ist dabei? Die lebhafte und vielfältige Diskussion nach dem Vortrag war super spannend für mich. Von der Freegan-Bewegung bis zum Kapitalismus als gesellschaftlichem Konsens war alles dabei. Einige nickten und fühlten sich an Debatten über alternative Wirtschaftsformen erinnert. Hard & Negri und ein Buch namens „Newtopia“ (das hab ich mir notiert, es aber nicht gefunden) wurden empfohlen. Andere fanden das meiste, was wir gesagt haben, falsch. Beim DIY entstehe vor allem unnützer Tand, darum nichts tun statt makerbot.

Manchen war es zu schwammig, aber ja: es ging uns eben um die Beschreibung eines Diskurses und um einige Überlegungen, die wir zur Brötchen– bzw. Reisfrage in den Raum gestellt haben. Da sieht man ja, was dabei raus kommt :)

Video und Folien nach dem Klick!
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Hackonomy auf der Re:publica

Making, Crafting, Bausteln: Endgegner des Kapitalismus?“. Es geht um die gesellschaftlichen Potentiale von DIY und Co: Wird der Trend zum Selbermachen die Brötchenfrage letztlich auch nicht lösen und bleibt eine Nische für diejenigen, die es sich leisten können, oder steckt in der Leidenschaft fürs Machen auch die Hoffnung auf eine gerechtere und bessere Zukunft für Alle? Am zweiten Tag der Re:publica 2010 behandeln diese Fragen Jens Ohlig und ich in einem Vortrag, der einen Bogen spannt von der „Marke Eigenbau“ über Hackerspaces zur dekonstruktivistischen Ökonomiekritik und wieder zurück.

Was du auch machst
Mach es nicht selbst
Auch wenn du dir den Weg verstellst
Was du auch machst
Sei bitte schlau
Meide die Marke Eigenbau
Heim– und Netz–
Werkerei
Stehlen dir deine schöne Zeit
Wer zu viel selber macht
Wird schließlich dumm
Ausgenommen Selbstbefriedigung
Tocotronic: „Mach es nicht selbst“

Tocotronic propagieren in ihrer Anti-DIY Hymne mit distanzierter Künstler-Ironie „Mach es nicht selbst“. Dass es einen Song dagegen gibt, zeigt schon, was für ein Thema Crafting, Making und Bausteln gerade sind. Die „Marke Eigenbau“ ist progressiv und irgendwie auch politisch, heisst es. Selber machen fördere Individualität und Kreativität. Die Arbeit ist weniger entfremdet, denn Menschen haben die Kontrolle über das, was sie mit ihren Open-Source-Makerbots machen. Sie sind Produzentinnen, nicht bloß Konsumentinnen, keine unwissenden User, sondern vernetzte und kommunizierende Produser. Häufig bleibt dabei aber ausgeblendet, dass sich nicht alle leisten können/wollen, an dieser Bewegung teilzunehmen. Und müssen wir uns nicht auch fragen, wo die preiswerten Bauteile eigentlich herkommen und unter welchen Bedingungen sie von wem produziert werden? DIY löst die Brötchenfrage anscheinend auch nicht von selbst, und ein iPhone kann man sich nicht selber stricken. Und trotzdem: vielleicht haut es doch nicht so ganz hin mit dem regulativen Ideal des Kapitalismus, dem sich jede und jeder unterordnen muss. Denn schon jetzt gibt es die Unterwanderung des großen Ganzen durch Leidenschaft, Teile der Ökonomie werden von Bastlern gehackt und es gibt wirtschaftliches Handeln, das sich nicht in die große Erzählung der Warenförmigkeit eingliedert. Eine andere Welt ist vielleicht nicht sofort möglich, aber dann jedoch teilweise auch schon da: Queeren, hacken, dekonstruieren von selbst gemachten Problemen mit dem Selbermachen.

We care, but we’re not sure what to do either

Antworten auf die zahlreich gestellten Fragen nach z.B. anderen Formen des Wirtschaftens und Nicht-Kapital-orientierten-Wertschöpfens wurden hingegen sicherlich nicht in einem solchen Maße gegeben, dass mensch nunmehr wüsste, wie sich bestimmte Lücken im System antikapitalistisch und dabei immer geschlechtergerecht füllen ließen, um anschließend die Weltrevolution zu verkünden. Vielmehr wurde vor allem im Rahmen des sich etwas anstrengend gestaltenden Fishbowl-Formats zum Thema „Deconstruct Capitalism? Reclaim Economy?“ betont, dass alle Teil des Systems sind und sich kaum mensch auf einer Insel befindet, die nicht auch im Austausch mit hegemoniebefördernden Verhältnissen steht.

Queer-o-mat war in Berlin auf dem Who Cares?–Event zu queer-feministischer Ökonomiekritik und <a href=„http://queer-o-mat.de/157/Who-cares-Queerfeminismus-und-OEkonomiekritik-Eindruecke-vom-Event..html““>formuliert unter anderem Eindrücke zu unserer Diskussion „Deconstruct Capitalism? Reclaim Economy?“ Ein gutes Event, ein Auftakt, und vieles bleibt erstmal unklar. So würde ich das vergangene Wochenende zusammenfassen, und einen ähnlichen Stimmungseindruck vermitteln mir Queer-O-Mat und viele Leute, mit denen ich gesprochen habe.

Who Cares? Das Programm zum Event

bla

Das Programm für das Event zu Queerfeminismus und Ökonomiekritik vom 4. bis 6. März 2010 in Berlin ist jetzt online. Ich werde vor Ort sein und am Freitag Abend eine Fishbowl-Diskussion mitgestalten, die unter dem Titel „Deconstruct Capitalism? Reclaim Economy? Kontroversen und Strategien queerfeministischer Ökonomiekritik“ steht. Ich bin sehr gespannt auf das Event, das Gruppen, die auf unterschiedliche Weise zu Queer, Feminismus und Ökonomie arbeiten, vernetzen und zeigen will, „dass linke Ökonomiekritik nicht ohne queere und feministische Einsätze gemacht werden kann, ebenso wie Feminismus ohne Ökonomie– und Gesellschaftskritik nicht auskommt“ (siehe Call).

Etwas gewundert hatte ich mich gestern darüber, dass die Veranstaltung erst am Freitag Nachmittag (dem 5.3) richtig losgeht, also eher auf zwei Tage ausgelegt zu sein scheint. Für Leute, die nicht in Berlin wohnen, wäre es gut gewesen, das früher zu wissen. Außerdem sind viele für mich besonders interessante Veranstaltungen parallel. Klassisches Event-Problem, aber dieses Mal betrifft es auch Workshops, bei denen es meiner Meinung nach relativ deutlich ist, dass sich dafür die selben Leute interessieren. Das ist schade, aber ich freu mich trotzdem aufs Event.

Die Marxmaschinen


Elektrischer Reporter – Fabbing: Ich drucke mir meine Welt

Queer Salons in Berlin

Im vergangenen Jahr gab es bereits die ersten fünf Berliner Queer Salons. Jetzt startet die neue Runde, initiiert von Antke Engel & Volker Woltersdorff alias Lore Logorrhöe & umgesetzt von wechselnden Vorbereitungskomitees:

21.01. asian affairs: queer Asian film salon (PDF)
18.02. dicker als blut? queere generationen-bildung ohne verwandtschaft
18.03. identitätswechsel mit tagespolitischem überraschungseffekt
15.04. „Oh economy, up yours!“ film salon
20.05. beziehungsformen jenseits von heteronormativität und szenestress
17.06. How to queer things with words

Der Queer Salon ist ein monatliches Event, das durch verschiedene Formen des Miteinander-Tuns das Spektrum queer-politischer Positionen auszuloten trachtet. Wenn queer weder einheitlich ist, noch sich fixieren lässt, wo ist dann der Ort, wo das Vielfältige und Bewegte aufeinander trifft? Und wie wird es produktiv, provokativ, politisch? Wir möchten einen Ort schaffen, der Leute in Kontakt zu bringt, die sich sonst nicht begegnen, und die gemeinsam Machtverhältnisse verhandeln und verändern. Einen Ort, der von unterschiedlichen Menschen und Communities genutzt wird, die queer als Möglichkeit ansehen, Differenzen auf unterschiedliche Weise und diverse Formen von Differenz in ihrer Unterschiedlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Wir wollen uns nicht allein auf Sprache oder das klassische Format der Polit-Diskussion verlassen, sondern Formen der thematischen Auseinandersetzung finden, die auf geteilte Praxen setzen.
Im Anschluss gibt es jeweils in gepflegt-frivoler Atmosphäre bei Snacks und inspirierenden Getränken zu moderaten Preisen Zeit und Raum für Gespräche – möglichst auch, um in wechselnden Konstellationen gemeinsame Ideen — für weitere Salons oder sonstige Praxis — auszuhecken.

Der Queer Salon findet jeden 3. Donnerstag im Monat statt.
Ort: Werkstatt, Adalbertstr. 71 (Hinterhaus, Tür rechts) (U-Kottbusser Tor)
Aktuelle Infos über den Queer Salon und die Möglichkeit, auf dem Laufenden zu bleiben, gibts beim Institut für Queer Theory.

Arranca! Text jetzt online

Auf der neuen arranca! Seite gibt es jetzt den Text Diverser leben, arbeiten und Widerstand leisten. queerende Perspektiven auf ökonomische Praxen der Transformation von Do. und mir zu lesen. Und noch mehr:

Mit tag cloud, Kommentarfunktion, RSS-Feeds und allem Pipapo haben wir endlich wieder zum Stand der Produktivkräfte aufgeschlossen. Im Archiv kann nach Herzenslust gestöbert werden — hier werden wir nach und nachsämtliche seit 1993 erschienenen arranca!-Artikel zugänglich machen.

Macroecon Battlerap

Hayek vs. Keyenes. Do want: Popper vs. Adorno. Chomsky vs. Foucault.

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