White Charity
December 18th, 2011 • Rassismuskritik • 4 comments
Seit dieser Woche ist „White Charity. Schwarzsein und Weißsein auf Spendenplakaten“ online zu sehen. Der Film von Carolin Philipp und Timo Kiesel thematisiert die Reproduktion von Rassismen durch die Plakatwerbung von deutschen entwicklungspolitischen Organisationen. Ich hatte die Gelegenheit, bei der Premiere mit anschließender Podikusmdiskussion dabei zu sein, wo auch die Frage thematisiert wurde, wer bei den Organisationen darüber entscheidet, ob die Repräsentationen von PoC oder von „Afrika“ angemessen sind. Fragt sich nur, wann die Entwicklungshilfeorganisationen sich hinstellen und sagen: OK, das ist bullshit, was wir hier machen.
Die besondere Stärke des Filmes sind die Statements von Grada Kilomba, Peggy Piesche und dem Spoken Word Künstler Philipp Khabo Köpsell, die auf analytische und künstlerische Weise deutlich machen, was die Repräsentationen der Charity-Plakate mit Weißen und PoC machen.
Auf der Website zum Film findet ihr informative Hintergrundtexte und weiterführende Literaturangaben und die Möglichkeit, „White Charity“ auf DVD zu bestellen. Der Film steht unter einer Creative Commons Lizenz (by-nc-sa) und wird in nächster Zeit auch bei Veranstaltungen in verschiedenen Städten zu sehen sein.
Keine Bären auf dem Ponyhof
October 31st, 2011 • Academia, Feminismus, Queer, Rassismuskritik • 20 comments
Der Erklärbär. Ein Wesen, dass Leute an die Hand nimmt, die kritische Interventionen in Sachen Rassismus, Sexismus, Transphobie, Abelism und co. nicht auf Anhieb verstehen, weil sie zu voraussetzungreich formuliert sind und/oder die eigenen Abwehrmechanismen den Weg versperren. Der Erklärbär ist kuschelig, verbreitet Harmonie, ist geduldig und kann gut erklären, ohne unbekannte Begriffe und komplizierte Sätze. Der Erklärbar hat diese guten Eigenschaften, weil er von struktureller Dominanz nicht betroffen ist. Er ist ja ein Bär. (Die kleine Antispezizistin in mir ruft: „As if!“) Ich muss euch was erzählen: Es gibt diesen Bären gar nicht. Wir sind alle im Rahmen von gesellschaftlichen Strukturen aufgewachsen, durch die wir unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Es gibt darum keinen neutralen Standpunkt, der von oben auf das Geschehen schauen kann, es gibt nur die unbekümmerte Ignoranz des Unmarkierten.
Jetzt wird es wieder heißen: „Unmarkiert? Was issn das für ein überheblicher Akademikersprech?“
Um etwas benennen zu kennen braucht es Sprache und Wissen. Auch das ist nicht neutral, sondern von diesen Machtverhältnissen, um die es gerade geht, geprägt. Einige PoC, Frauen, Queere Leute, Menschen mit Behinderung (diese Kategorien schließen sich alle nicht gegenseitig aus und die aufgezählten Kategorien können auch nicht vollständig sein) haben sich in den letzten Jahrzehnten die Möglichkeit erkämpft, in bestimmten gesellschaftlichen Räume wie der Wissenschaft oder den Medien Positionen einzunehmen. Sie mussten sich dieser Institutionen bemächtigen, um ihre Belange überhaupt artikulieren zu können und gehört zu werden. Daraus jetzt einen Strick zu drehen ist eine harte Nummer.
Sich mit struktureller Dominanz, Privilegien und dem, was das mit mir selbst macht zu beschäftigen ist kein Ponyhof. Das Leben auf der anderen Seite der Hegemonie aber erst recht nicht. Wenn es um Gerechtigkeit gehen soll, müssen wir den Ponyhof verlassen. Dabei sind Abwehrreaktionen an der Tagesordnung. Ich finde mich ständig in Situationen wieder, wo ich versuche, Gründe dafür zu finden, warum mein Verhalten oder meine Gefühle rational sind und nichts mit der Dominanz meiner Position zu tun haben. Ich ertappe mich dabei, die Irrationalität auf der anderen Seite zu suchen. Ich erkenne nicht immer sofort an, dass andere mehr Erfahrungen haben, die Welt wirklich anders erleben müssen und entsprechend Strategien entwickeln, die ich erstmal merkwürdig finde. Ich bin froh, Leute in meinem Umfeld zu haben, mit denen ich mich zu solchen Themen auf unterschiedliche Weise auseinandersetzen kann. Aber was mir auch hilft ist der innere Dialog zwischen mir und dem Anderen. Das können politische Haltungen oder konkrete Personen aus meinem Umfeld sein. Die wissen das gar nicht. Ich habe meinen inneren Scheiterhaufen, meine innere Do., meine innere Lantzschi, die innere Antideutsche und noch ganz viele mehr. Mit denen kann ich mich auch auseinandersetzen, ohne konkreten Personen mit meinen halbdurchdachten Abwehrreflexen auf die Nerven zu gehen. Ich wünsche mir, dass Leute sich auch mal im inneren Dialog üben, statt wütig über den Ponyhof zu rennen, um sich einen Erklärbären zu fangen.
not only did I have privileges, but that I was rooted in history
May 9th, 2011 • Feminismus, Queer, Rassismuskritik • 4 comments
Der Begriff des Privilegs interessiert mich weiterhin, auch wenn ich mich neulich nicht genügend mit den Kommentaren und ausführlichen Reaktionen beschäftigen konnte. Mich interessiert, wie politischen Haltungen aus einer privilegierten Position heraus entwickelt werden und wie sich Solidarität ausdrückt. Sich damit auseinander zu setzen, dass die Freiheiten, Zugänge und die (größtenteils) psychischen Unversehrtheit, die ich als Ressource zur Verfügung habe nicht einfach so gegeben, sondern Teil von Geschichte und Unterdrückungsverhältnissen sind, ist anstrengend, aber eben immer noch eine Entscheidung, die ich frei bin zu treffen. Der Essay „How Can I Be sexist? I’m An anarchist!” (PDF)1 von Chris Crass beschäftigt sich mit den emotionalen Aspekten der Auseinandersetzungen aus der Perspektive eines weißen, gender-privilegierten heterosexuellen Aktivisten. Ich kenne viele Gefühle und Erlebnisse, die er beschreibt von dieser oder jener Seite der Machtachse. Zum Beispiel das Gefühl selbst von kritischen, pro-feministischen Männern nicht für voll genommen zu werden und nichts Interessantes zu einem Gespräch beizutragen, weil die Gesprächsführung voll „Ja eh klar, aber“-Phrasen ist, die gar nicht abwertend gemeint sind. (Und jetzt fragt mich bitte nicht, ob ihr auch so seid, sondern achtet darauf.) Aber auch diesen Drang, kritische Auseinandersetzung anderer mit weißer oder heterosexueller Dominanz im Kopf durchspielen zu müssen und sich dabei zu ertappen, die Situation zu verharmlosen oder die Schuld bei den von Diskrimierung Betroffenen zu suchen. Es kratzt an einer und es ist viel schwerer über diese Sachen nachzudenken und zu schreiben als solidarisch auf die Belange der Benachteiligten dieser Welt hinzuweisen. Also nehmt euch die Zeit und lest den Text.
- Den Text gibt es auf verschiedenen Websites und als PDF, falls der Link nicht mehr funktioniert fragt eine Suchmaschine eures Vertrauens. [↩]
Privilegien
March 20th, 2011 • Begriffe, gp, Rassismuskritik • 15 comments
In der vorletzten Missy gibt es ein Dossier zu Tierrechten und dem Mensch-Tier-Verhältnis, das ich erst gestern gelesen habe. Dabei bin ich bei einem Interview mit Carol J. Adams auf einen interessanten Gedanken zum Privilegienbegriff gestoßen.
Eine patriarchale Weltsicht geht davon aus, dass der Zweck die Mittel heiligt. Diese Ethik instrumentalisiert die Natur, ebenso wie Tiere und nicht dominante Menschen, zum Teil auf sehr gewaltsame Weise. Aber die Gewalt wird unsichtbar, sie wird von Individuen nur noch als Privileg wahrgenommen, das ihnen Genuss bereitet: das Privileg, Tiere zu essen, Frauen auszunutzen oder sich keine Gedanken darüber zu machen, wer das Hotelzimmer putzt.1
Von Privilegien ist ja oft die Rede, wenn es um die andere Seite dieser komplizierten und verwobenen Machtverhältnisse geht, mit denen wir uns politisch, akademisch und in unseren Leben rumschlagen müssen. Ohne je gezielt danach gesucht zu haben bin ich bisher noch nicht auf eine gute Definition gestoßen. Da der gute alte Foucault (zumindest bei mir) ein bisschen Eindruck hinterlassen hat, setze ich jetzt mal voraus, dass die (oder besser: wir) Privilegierten nicht einfach die Unterdrücker_innen und Täter_innen in einer top-down Beziehung personaler oder juridischer Macht2 sind, wie es in Adams Formulierung noch ziemlich durchklingt. Sie sind dementsprechend aber auch nicht diejenigen, die von jemand noch privilegierterem mit einem verbrieften Vorrecht ausgestattet sind und zum Beispiel Schnapps brennen oder Kirchensteuer eintreiben dürfen. Zumindest bedeutet der Begriff in unseren heutigen Diskussionen etwas anderes. Versuchen wir es also einmal so:
Privilegierte sind Personen (Subjektpositionen), die auf eine Weise in Diskurse und die symbolische Ordnung eingebunden sind, die es ihnen nahe legt, Resultate von Gewaltbeziehungen als genussvoll erlebte Normalität wahrzunehmen. Das Steak, das neue Auto, das saubere Hotelzimmer oder die von Mutti gewaschenen Jeans, die Repräsentationshoheit über Afrikaner_innen,… Was meint ihr: Taugt diese behelfsmäßige Definition?
Beyond Re/Production: Care Work
February 25th, 2011 • Feminismus, Oekonomie, Queer, Rassismuskritik • No comments
In Berlin geht die Veranstaltungsreihe zu Queerfeminismus und Ökonomiekritik weiter, die letztes Jahr mit dem Event im März so großartig gestartet ist. Es dreht sich dieses Mal alles um die unterschiedlichen Facetten von Haus– und Sorgearbeit: Beyond Re/Production: Care Work.
Stilblüte
February 8th, 2011 • Academia, Feminismus, Hamburg, Queer, Rassismuskritik • No comments
Wenn Vorurteile klar erkenntlich überspitzt und sterilisiert dargestellt werden und diese Einsicht zusätzlich durch filmtheoretische Betrachtung gestützt werden kann, kommuniziert der Film die Absurdität des Gezeigten und beschreibt damit sein differenziertes Gegenteil. (Quelle, Kontext)
Plus: Durch die Etablierung von Männertagen hat der AStA sich gegen Diskriminierung an der Uni Hamburg eingesetzt.
Simon II in the making
February 8th, 2011 • Queer, Rassismuskritik, Wissenschaft • 2 comments
Norbert Blech berichtet auf queer.de über eine neue Onlinestudie, die von der Berliner „Landesstelle für Gleichbehandlung — gegen Diskriminierung“ in Auftrag gegeben und an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel unter der Leitung von Professor Bernd Simon durchgeführt wird. Die Umfrage richtet sich an Schwule und Lesben und „andere nicht-heterosexuelle Frauen und Männer (einschließlich Trans*-Personen)“. Abgefragt werden die gefühlte Bedrohung durch „Polizisten, Fußballfans, Neonazis, katholischen und evangelischen Christen, Muslimen und Personen mit russischem, türkischem und arabischen Migrationshintergrund“ sowie die Zustimmung zu Thesen à la „Den Islam in Deutschland zu akzeptieren ist gleichbedeutend mit gesellschaftlichem Rückschritt.“ Die Thesen sind äußerst suggestiv formuliert und behandeln zum Schluss nur noch die Haltung gegenüber muslimische Migrant_innen.
Die erste Simon-Studie1 (vom LSVD in Auftrag gegeben und vom Familienministerium finanziert) spielt im hiesigen homonationalistischen Diskurs eine zentrale Rolle, weil sie, so Jin Haritaworn, „statistisch belegt, was bereits allgemein bekannt ist: dass «Migranten» homophober sind als «Deutsche»„2 Bei diesem methodischen Vorgehen ist das auch kein Wunder.
- Bernd Simon (2008): Einstellungen zur Homosexualität: Ausprägungen und psychologische Korrelate bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund (ehemalige UdSSR und Türkei), in: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie 40, 87–99. [↩]
- Jin Haritaworn 2009: Kiss-Ins und Dragqueens. Sexuelle Spektakel von Kiez und Nation, in: AG Queer Studies (Hg.): Verqueerte Verhältnisse, Hamburg, 41–65 (Zitat S. 41.); zu den methodischen Problemen der Simon-Studie vgl. (2010), ‘Wounded subjects: Sexual exceptionalism and the moral panic on “migrant homophobia” in Germany,’ in M. Boatc, S. Costa and E. Gutierrez Rodriguez (eds.) Decolonising European Sociology, Aldershot: Ashgate, 135–152. [↩]
Inszenierung von Privilegien
February 6th, 2011 • Academia, gp, Hamburg, Rassismuskritik • No comments
Wenn (weiße) Student_innen ungewöhnlich früh an der Uni sind und den Reinigungskräften begegnen, denken sicher viele für einen Moment darüber nach, wie ihre Universität – die zumindest in meiner (möglicherweise veralteten) Vorstellung – nicht nur Arbeits-, sondern auch Lebensraum vieler Studierender ist, eigentlich funktioniert. Unter welchen Bedingungen und zu welchen Löhnen Leute die Räume gereinigt werden, während Studierende noch selig schlafen und was eigentlich der Grund dafür ist, dass bestimmte Leute das Bild in den Hörsälen und Seminarräumen prägen, während man andere nur früh am Morgen ihrer Arbeit nachgehen sieht. Bei anderen wiederum scheinen solche Begegnungen Phantasien des wilden, unzähmbaren Afrika auszulösen. Anlässlich eines skandalösen „Image-Films“ des Hamburger Uni-AStA hat die AG Queer Studies heute ein Statement veröffentlicht. Dort findet ihr auch viele Links zum Anlass des Protestes.
Intersektionalität – all inclusive?!
February 24th, 2010 • Academia, Feminismus, Hamburg, Körper, Queer, Rassismuskritik • No comments
Morgen früh beginnt an der Uni Hamburg eine Winterschool mit dem Titel „Intersektionalität als Kritik“, die ich zusammen mit vielen Kolleginnen organisiert habe. In vier Seminaren werden sich über 80 Teilnehmer_innen bis Sonntag mit intersektionalen Fragestellungen und Forschungsansätzen beschäftigen. Zum öffentlichen Teil der Veranstaltung gehören die Vorträgen der Dozent_innen am Donnerstag und Freitag Vormittag (10–13 Uhr im ESA W Raum 221) und eine Diskussionsveranstaltung mit Inputs am Samstag Abend. Von 19 bis 21 Uhr stellen wir uns der Frage „Intersektionalität — all inclusive?!“. Die Veranstaltung findet in der Edmund-Siemers-Allee 1 im westlichen/linken Flügelbau des Hauptgebäudes der Uni in Raum 221 statt und wird von Schriftmittler_innen begleitet. Das Flyer-PDF könnt ihr hier runterladen.
Soziale Ungleichheit und Netzneutralität
December 4th, 2009 • DigitalLife, gp, Oekonomie, Politik, Rassismuskritik • 2 comments
The Internet provides our communities with a medium to access services, find jobs, connect to friends, make inexpensive international phone calls to family members, and to advocate for social change. Many of the most valuable things we do online are noncommercial; they exist because the Internet is the first mass media system with no gatekeepers to dole out privilege to the highest bidder. That freedom and openness is what makes the Internet different from broadcasting and cable. We can’t allow Comcast, AT&T, Verizon and other broadband providers to deliver substandard Internet service to our communities.
Spannend: Netzpolitische Kommentare werden ja meistens aus einer scheinbar neutralen, universellen Perspektive verfasst, die wenig situiert ist. Im Gegensatz dazu diskutieren Malkia Cyril, Chris Rabb und Joseph Torres das wichtige Theme der Netzneutralität in ihrem Artikel The Internet Must Not Become a Segregated Online Community aus einer dezidiert verorteten Perspektive (via feministing). Welche Auswirkungen hat es für den Alltag und die politische Organisierung von nicht-weißen, nicht-mittelständischen Leuten, wenn Telekommunikationsunternehmen zu Gatekeepern werden und beispielsweise preiswerten Zugang zum Internet auf wenige, ausgewählte und zahlungskräftige kommerzielle Websites beschränken können? Im Zusammenhang mit Netzneutralität ist es neben einem grundsätzlichen Einfordern von freiem Internet also wichtig zu fragen, was die Konsequenzen von Beschränkungen sind: Welche Anbieter können es sich leisten, sich in die Angebotspalette von Providern einzukaufen und welche nicht? Auf welchen Kundenkreis wären die Angebote zugeschnitten, und wer kommt dabei nicht vor? Und schließlich: Wer kann sich einen ungefilterten Zugang zum Netz dann noch leisten, und wer nicht? Ein Verzicht auf Netzneutralität bedeutet, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse und soziale Ungleichheit eine noch stärke Auswirkung auf den Zugang zum Netz und die Frage, wer das Netz für seine Interessen nutzen kann, haben werden, als sie es im Zeitalter der digitale divide ohnehin schon tun.




