Woohoo! Verqueerte Verhältnisse ist da!!!
May 8th, 2009 • Academia, Bücher, Queer, Wissenschaft • 1 comment
So viele Ausrufezeichen seht ihr bei mir nicht alle Tage. Das ist purer Mitherausgeberinnenstolz. Muss auch mal sein, nach so langer Arbeit.

„Verqueerte Verhältnisse. Intersektionale, ökonomiekritische und strategische Interventionen“ ist seit gestern erhältlich. Damit hat die AG Queer Studies den zweiten Sammelband zur Vortragsreihe Jenseits der Geschlechtergrenzen veröffentlicht. Das Buch ist beim Männerschwarm Verlag in Hamburg erschienen und enthält neben der Einleitung 10 Beiträge zu den Themenbereichen Queer Studies und rassifizierende Machtverhältnisse, Ökonomiekritik, neoliberaler Kapitalismus und Reflektionen queerer Praxen. Zum Sammelband beigetragen haben Jin Haritarworn, Felix Krämer, Nina Mackert, Alexandra Ganser, Antke Engel, Sonja Mönkedieck, Renate Lorenz, Do Gerbig, Joke Janssen, Annett Losert, Jo Bucher und Angelika Goeres (falls ihr das lest an dieser Stelle noch einmal Danke für die tolle Zusammenarbeit!).
Dem Band liegt ein Verständnis von Queer Theory zugrunde, das den Blick über die „klassischen“ Themenfelder der Queer Studies erweitern und Regime der Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit in ihrer Verwobenheit mit anderen Herrschaftsachsen untersuchen will.
Neben Sexualitäten und Geschlechterkonstruktionen rücken vielfältige gesellschaftliche Felder und wissenschaftliche Disziplinen in den Blick, in denen (Identitäts-)Kategorien festgeschrieben und Machteffekte produziert werden. Machtvolle Zuschreibungen und ihre performative Herstellung sind nahezu jedem gesellschaftlichen Handeln und Sprechen immanent und können damit zum Untersuchungsgegenstand werden. Queer Studies stehen demnach vor der Herausforderung, ihr Untersuchungs– und Interventionsfeld radikal erweitern zu müssen und dennoch in ihrer Methodik und (wissens-)politischen Zielsetzung nicht beliebig zu werden. Dieses Buch möchte einen Beitrag zu diesem Projekt leisten.
Hier findet ihr ein PDF mit einem Überblick über den Inhalt. Der Band kann ab sofort für 16 Euro im online und offline Buchhandel erworben werden.
Queer Theoretikerin Eve Kosofsky Sedgwick verstorben
April 16th, 2009 • Queer, Wissenschaft • 3 comments
Am Ostersonntag verstarb die amerikanische Theoretikerin Eve Kosofsky Sedgwick. Die Autorin von Büchern wie „Between Men: English Literature and Male Homosocial Desire“ und „Epistemology of the Closet“ wäre am 2. Mai 59 Jahre alt geworden. Sie gilt als Mitbegründerin der Queer Theory.
Eve Kosofsky Sedgwick, My Friend, 1950–2009, von Cathy Davidson
Eve Kosofsky Sedgwick, 1950–2009, von Richard Kim, The Nation
Eve Kosofsky Sedgwick, von Macy Halford, The New Yorker
Educator, Author Eve Kosofsky Sedgwick Dies at 58, von Michelle Garcia, The Advocate
Danke an Nina für die Links.
Re:publica 09: Donnerstag 1 — Identität im digitalen Leben
April 3rd, 2009 • DigitalLife, Wissenschaft • No comments
Zweiter Tag der re:publica 09. Nach dem der erste Tag etwas uninspirierend begonnen hatte, hatte ich absolut nicht die Hoffnung verloren, und sie wurde auch nicht enttäuscht. Shift happened. Den sicherlich sehr hörenswerten Vortrag vom Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar zum aktuellen Stand des Datenschutzs in Deutschland habe ich zu Gunsten von Brötchen und Kaffee verpasst. Der Tag begann für mich erst Mittags mit Rishab Aiyer Goshs Vortrag über „Collaborative Creativity and the Test of Time“. Es ging um Zeitverläufe in Wirtschaftsprozessen, Patente und Open Source, aber ich war nicht ganz bei der Sache, und ähnlich ging es mir nach dem Umzug in die Kalkscheune bei Peter Glasers feulletonistischem Beitrag zu „Internet und Ethik“: In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben?. Ich musste ja den Text über gestern noch online stellen, solange das Internet funktionierte.
Bei den beiden Vorträgen zu „Internet und Identität“ von Tina Guenther und Christiane Link war ich dann aber geistig am Start. Leider ging es nicht direkt – wie der Untertitel der Session versprach – darum, „was facebook und co. mit französischer Philosophie verbindet“. Stattdessen gab es zuerst einen sehr soziologischen Beitrag von Tina Guenther über Vertrauen im Netz. Sie erwähnte jede Menge Soziologieklassiker von Simmel bis Parsons und hatte jede Menge vollgeschriebener Folien, die sie in Eile vorstellte. Etwas weniger Referatsatmosphäre verbreitete die Journalistin Christiane Link im Anschluss. Ihr Argument war ein ähnliches wie das von Guenther: Eine digitale Identität ist meist nicht etwas ganz anderes als die Identität, die mensch sonst so mit sich rumträgt, sondern eine Ergänzung dazu. Im besten Fallen baut das Subjekt sich seine digitale Identität im Laufe der Zeit auf. Es managed sie. Angst haben muss mensch vor dieser Entwicklung nicht zwangsläufig. Ich würde theoretisch da sicherlich anders rangehen (mehr französische Philosophie), aber mir gefällt, dass sich die Diskussion um Identität und Subjektivität in der digitalen Welt entspannt, weg von einem „Bleib bloß so anonym wie es nur geht, sonst kriegst du nie wieder einen Job!!“, hin zu einem bewusstem, alltäglichem Umgang mit dieser Seite des Lebens.
Jenseits der Geschlechtergrenzen im Sommersemester 2009
March 30th, 2009 • Academia, Familie, Feminismus, Hamburg, Körper, Queer, Rassismuskritik, Wissenschaft • 4 comments
In der nächsten Woche, genauer gesagt am 8. April, beginnt an der Universität Hamburg wieder die Vortragsreihe „Jenseits der Geschlechtergrenzen“, die von der AG Queer Studies organisiert wird.
Unsere Vortragsreihe “Jenseits der Geschlechtergrenen” startet wie gewohnt mit einer Einführung der AG Queer Studies ins Sommersemester 2009. Am 14. April freuen wir uns auf Christian Klesse, einen alten Bekannten unserer Vortragsreihe, der über die “Schwierigkeiten in der Aushandlung nichtmonogamer Lebensweisen” sprechen wird. Mit feministisch-queeren Raumkonstruktionen am Bespiel des Ladyfests Wien beschäftigt sich Barbara Maldoner-Jäger in ihrem Vortrag am 20. Mai, und in der Woche darauf gibt uns Kerstin Palm einen Einblick in die evolutionstheoretische Schönheitsforschung, durch die „spezifische Schönheitsideale mit der Autorität der Natürlichkeit ausgestattet werden“.
Das Zusammendenken unterschiedlicher Formen des gesellschaftlichen Ein– und Ausschlusses bildet auch dieses Semester wieder einen Schwerpunkt in unserem Programm. Mit der intersektionalen Arbeit von LesMigras Berlin beschäftigt sich Lisa Thaler in ihrem Vortrag am 22. April, am 1. Juli spricht Olaf Stuve über „Identitätskritische Jungenarbeit aus intersektionaler Perspektive“ und den Semesterabschluss bildet Martina Tißberger mit ihrem Vortrag „Dark Continents. Psychoanalyse, Gender und Whiteness“ am 15. Juli. Wir freuen uns außerdem besonders, in diesem Semester zwei Vorträge aus dem Themenbereich Disability Studies im Programm zu haben. In Kooperation mit dem Zentrum für Disability Studies (ZeDiS) wird Christiane Hutson am 13. Mai einen Vortrag mit dem Titel „Unverschämt – Was Rassismus, Heterosexismus und Ableismus mit uns machen“ halten, und am 17. Juni spricht Swantje Köbsell über „Behinderung und Geschlecht“. Wie in jedem Semester decken die verschiedenen Vorträge ein interdisziplinäres Spektrum an Themen ab und verdeutlichen queerende Forschungspraxen und Perspektive auf Geschlecht und Sexualität. Weitere Informationen zu den einzelnen Vorträgen findet ihr im Programmheft und nach dem Klick!
Read more »
Vortrag von Gabriele Dietze: Obama vs. Clinton
January 26th, 2009 • Feminismus, Hamburg, Politik, Rassismuskritik, Wissenschaft • No comments

Twitter im Augenblick der Amtseinführung
Als die AG Queer Studies das Vortragsprogramm für Jenseits der Geschlechtergrenzen in diesem Wintersemester geplant hat, war das Rennen zwischen Obama und Clinton um die Präsidentschaftskandidatur noch nicht entscheiden. Um so mehr freuen wir uns, eine Woche nach der Inauguration von Barack Obama noch einen passenden Vortrag in unserem Programm zu haben. Dr. Gabriele Dietze von der HU Berlin, deren Habilitation zur Konkurrenz von amerikanischen Race– und Gender-Emanzipationsdiskursen in diesem Jahr bei transcript erscheint, beschäftigt sich mit dem Diskurs über die Konkurrenz zwischen einem Schwarzem Mann und einer weißen Frau um das höchste Amt der USA.
Obama vs Clinton – (Ver)quere Intersektionen von Rassismus und Sexismus
Barak Obama ist der erste amerikanische Präsident of color. Im Vortrag soll diskutiert werden, ob diese ‚unwahrscheinliche‘ Konstellation damit zu tun hat, dass er eine weiss/weibliche Konkurrentin im Nominierungswahlkampf hatte und ob diese ohne einen schwarz/männlichen Gegenkandidaten mehr Chancen gehabt hätte. Es wird davon ausgegangen, das das Duell von Hillary Clinton und Barack Obama um die demokratische Kandidatur eine historisch gewachsene Konkurrenz aufgerufen hat, die seit dem Kampf um die Abschaffung der Sklaverei Frauen– und ‚Race‘-Emanzipationsbewegung eng miteinander verknüpft hat: Eine gemeinsame Front für die Abschaffung der Sklaverei und das allgemeine Wahlrecht zerbröckelte, als nur der schwarze Mann das Wahlrecht erhielt. Lynching wurde häufig damit begründet, ein schwarzer Mann habe sich einer weißen Frau genähert, und in den Emanzipationsbewegungen der Sixties wurde der Begriff ‚Sexismus’ aus dem Begriff ‚Rassismus’ entwickelt.Der Vortrag soll mit den Instrumenten diskursanalytisch inspirierter Gender Studies – insbesondere mit einer Analyse der Intersektionalitäten von Race, Class, Gender und Sexualität – eine Genealogie eines ‚schwierigen Verhältnisses’ entwerfen. Dabei sollen historisch spezifische Wissensformationen kartiert werden und Möglichkeiten ihrer Variation und Überarbeitung erkundet werden.
Der Vortrag findet am 28. Januar 2009 um 19 Uhr im Raum 0079 des WiWi-Bunkers, Von-Melle-Park 5 auf dem Campus der Uni Hamburg statt. Der Eintritt ist frei.
Examined Life: Laufen, Denken, Sprechen
January 21st, 2009 • Bewegtbild, Wissenschaft • No comments
Einflussreiche Denker_innen unserer Zeit laufen durch die Gegend und sprechen im Kontext des jeweiligen Raumes über verschiedene Dinge. Netter Ansatz, gute Klamotten. „Examined Life“ von Astra Tyler ist bestimmt ein sehenswerter Film (via foucaultblog). Ich hoffe, der läuft auch mal in einem Hamburger Kino.
Buchvorstellung mit Friederike Habermann: „Der homo oeconomicus und das Andere“
January 5th, 2009 • Feminismus, Hamburg, Oekonomie, Wissenschaft • 2 comments
Auf die Veröffentlichung „Der homo oeconomicus und das Andere. Hegemonie, Identität und Emanzipation“ (Nomos 2008) von Friederike Habermann bin ich neulich schon neugierig geworden, als ich bei dieStandard von einer Veranstaltung mit ihr gelesen hatte. Wie schön, dass Habermann ihr Buch Ende Januar in Hamburg vorstellen wird!
Angela Merkel, Condoleezza Rice und nun Barack Obama — das Geschlecht oder die Hautfarbe scheinen heute in keinem Widerspruch zur Karriere mehr zu stehen. Andererseits existieren Sexismen und Rassismen weiter, strukturelle Ungleichheiten lösen sich nicht einfach auf, einige verstärken sich sogar, teilweise kommt es zu Verschiebungen im Verhältnis von sex, race & class. Ein Paradox?
Immer wieder wird beklagt, dass Kapitalismus, Sexismus, Rassismus und andere Herrschaftsverhältnisse als unverbunden in der Analyse erscheinen — wenn sie denn überhaupt gemeinsam in die Analyse einbezogen werden. Mit der ‚subjektfundierten Hegemonietheorie‘ wird ein Ansatz skizziert, der — aufbauend auf Antonio Gramscis Hegemoniebegriff und in Erweiterung durch postmarxistische, postfeministische und postkoloniale Ansätze (Stuart Hall, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe, Judith Butler) — von der Verwobenheit aller Herrschaftsformen ausgeht. Wesentlich geht es der Autorin weiterhin darum, die bestehende Trennung zwischen historischmaterialistischen als auch postkolonialen und feministischen Ansätzen zu überwinden.
Dafür und darüber hinaus untersucht Friederike Habermann in einem wirtschaftstheoretischen und einem historischen Teil, wie der homo oeconomicus als Fundament der heutigen Wirtschaftstheorie nicht nur das Stereotyp des weißen, männlichen Bürgers abbildet, sondern wie dieser und alle anderen sich in der Moderne herausbildenden Identitäten in Relation zu ihm — und damit zueinander — entstanden und sich weiter ausformen. Heute ist der homo oeconomicus (mit einigen /soft skills/ angereichert) zum hegemonialen Leitbild für alle geworden; da er jedoch in Interaktion mit der Konstruktion des weißen, männlichen Bürgers konstruiert wurde, bleibt es für Mitglieder dieser Identität(en) leichter, erfolgreich zu sein.
Das Buch schließt mit Überlegungen für eine emanzipatorische Theorie und Politik.
Dr. Friederike Habermann ist Volkswirtin, Historikerin und Dr. phil. in Politischer Wissenschaft. Sie ist seit den Achtziger Jahren in Sozialen Bewegungen und seit den Neunzigern im globalen Widerstand aktiv.
Do, 29. Januar 2009, 19:30 Uhr
kölibri, Hein-Köllisch-Platz 12Veranstaltet von /homines oeconomici/ in Kooperation mit der rosa luxemburg stiftung hamburg
Ist die Finanzmarktkrise eine Krise des Kapitalismus? Veranstaltung in Hamburg
November 11th, 2008 • Oekonomie, Wissenschaft • No comments
Hätte, könnte, würde … ich am Donnerstag, dem 13. November, noch nichts vor, würde ich um 19 Uhr ins Centro Sociale gehen und die Veranstaltung zur aktuellen Krise des Kapitalismus mit Werner Rätz (Interventionistische Linke) und Marco Heinig (Linksjugend.solid & Bildungswerk für Politik und Kultur e.V.) besuchen. Und das nicht nur, weil es anschließend Kneipe mit Cocktails gibt.
Ich krieg‘ die Krise! — Die aktuelle Krise des Kapitalismus.
Eine Bestandsaufnahme.Die Finanzkrise ist da, der Neoliberalismus als Freiheitsversprechen diskreditiert, die Industrienationen auf dem Weg in die Rezession. Während in den letzten Wochen mit schier unglaublichen Finanzzahlen rumjongliert wurde, dürfte eines jetzt schon klar sein. Die Zeche zahlt nicht der Staat und schon gar nicht die Konzerne und Banken, sondern die BürgerInnen. Von einer Krise des Finanzmarktes war die Rede, vom Ende des Neoliberalismus und einer neuen Wirtschaftsordnung.
Doch was soll das heißen? Finanzmarktkrise. Steckt der Kapitalismus generell in einer Krise? Wie ist diese Krise entstanden und vor allem, wer zahlt für diese Krise?
Was heißt das für die Linke?
Bietet die Krise des Finanzmarktkapitalismus neue Chancen und Möglichkeiten für die Linke? Welche Politikfelder sind für eine linke Intervention strategisch sinnvoll?
Auf der Veranstaltung geht es zunächst um einen Blick auf die aktuelle Krise des Kapitalismus und ihre Hintergründe, mit einem Ausblick auf die weitere Entwicklung. In der Diskussion wollen wir dann einen Raum schaffen, um über die kurz– und mittelfristigen Aufgaben der Linken zu reden.Mehr Infos:
http://www.avanti-projekt.de
http://www.dazwischengehen.org
Vortrag zu queerer Ökonomiekritik in Hamburg
November 11th, 2008 • Hamburg, Oekonomie, Queer, Wissenschaft • No comments
Es ist mal wieder Zeit für shameless selfpromotion und einen Tipp für Hamburger_innen mit Interesse an Queer Theory und Ökonomie. Am Mittwoch werden Do. Gerbig und ich wie schon in Bremen einen Vortrag mit dem Titel „Queere Ökonomiekritik – alternative Praxen“ halten, dieses Mal im Rahmen der Ringvorlesung Jenseits der Geschlechtergrenzen, die von der AG Queer Studies organisiert wird. Wir beschäftigten und in diesem Vortrag mit der Gibson-Grahamschen Dekonstruktion des Kapitalismus, diskutieren Paradoxien des Neoliberalismus und die Rolle von Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit bei der Arbeit. Vor diesem Hintergrund stellen wir zwei Beispiele aus einer möglichen antikapitalistischen, queer-feministischen Praxis vor und möchten diese zur Diskussion stellen. Der Vortrag findet am 12. November um 19 Uhr im Raum 0079 im „WiWi-Bunker“, Von-Melle-Park 5 auf dem Campus der Uni Hamburg statt, ist öffentlich und kostet keinen Eintritt.
Judith Butler über Barack Obama: Nicht zu überschwänglich werden
November 9th, 2008 • Politik, Wissenschaft • 3 comments
Die Philosophin Judith Butler scheint die Freude über den Ausgang der Präsidentschaftswahl 2008 zu teilen, doch sie wäre nicht eine der bedeutenden Intellektuellen unserer Zeit, würde sie dieses Ereignis nicht kritisch begleiten. Uncritical Exuberance?, zu deutsch: Unkritische Überschwänglichkeit?, ist ein Essay, in dem sie große Wertschätzung für die Person Obamas („thoughtful and progressive“) und die historische Signifikanz seiner Wahl zum Ausdruck bringt, aber warnt davor, ihn nun als Erlöser zu feiern.
The election of Barack Obama is historically significant in ways that are yet to be gauged, but it is not, and cannot be, a redemption, and if we subscribe to the heightened modes of identification that he proposes („we are all united“) or that we propose („he is one of us“), we risk believing that this political moment can overcome the antagonisms that are constitutive of political life, especially political life in these times. There have always been good reasons not to embrace „national unity“ as an ideal, and to nurse suspicions toward absolute and seamless identification with any political leader.
Butler erinnert daran, dass die Wahl Obamas mit der Ablehnung von gay marriage, welche von Obama bisher ebenfalls nicht unterstützt wird, zusammenfällt. Er habe die Wahl gewonnen, weil sich die Wähler_innen von ihm eine bessere Wirtschaftspolitik versprechen, und nicht aufgrund moralischer Fragen, die dieses Mal weniger ausschlaggebend gewesen seien. Neben der Wirtschaft sei vor allem die Dis-Identifkation mit Georg W. Bush entscheidend gewesen.
We cannot underestimate the force of dis-identification in this election, a sense of revulsion that George W. has „represented“ the United States to the rest of the world, a sense of shame about our practices of torture and illegal detention, a sense of disgust that we have waged war on false grounds and propagated racist views of Islam, a sense of alarm and horror that the extremes of economic deregulation have led to a global economic crisis. Is it despite his race, or because of his race, that Obama finally emerged as a preferred representative of the nation?
Die ideologische und politische Kraft dieses Momentes liege darin, dass Obama als Figur der Einheit fungiere. Das damit verbundene Versprechen, Differenzen und Konflikte zu überwinden, sei faszinierend, führe aber unweigerlich zur Enttäuschung, wenn sich der charismatische Führer als fehlbar und seine Macht als begrenzt erweisen.
Butler greift den Aspekt der Enttäuschung auf, über den ich vor ein paar Tagen auch nachgedacht habe. Doch anders als in den rein pessimistischen Narrativen, die zur Zeit zu lesen sind, findet Butler, dass ein gewisses Maß an Enttäuschung über Obama notwendig ist. Politik sei schließlich kein Freudenfest ohne Ambivalenzen und Spannungen, sondern ein Ort für Debatte, öffentliche Kritik und Antagonismus.
The election of Obama means that the terrain for debate and struggle has shifted, and it is a better terrain, to be sure. But it is not the end of struggle, and we would be very unwise to regard it that way, even provisionally. (…) Some relief from illusion is necessary, so that we might remember that politics is less about the person and the impossible and beautiful promise he represents than it is about the concrete changes in policy that might begin, over time, and with difficulty, bring about conditions of greater justice.
Trotzdem rät sie Obama, in den ersten Monaten seiner Amtszeit wichtige Schritte zu unternehmen, um die Enttäuschung nicht so groß werden zu lassen. Zweifellos werde es in sozialen Fragen einen Trend zu liberaleren Ansätzen geben, auch wenn es wichtig sei nicht zu vergessen, dass sich Obama nicht für eine universelle Krankenversicherung ausgesprochen hat. Butler erwartet, dass sich im Bereich der Wirtschaftspolitik eine neue Rationalität durchsetzen wird, die nicht vor Regulationen zurückschreckt und sich sozialdemokratischen Formen in Europa annähert. In der Außenpolitik erwartet Butler eine Erneuerung multilateraler Beziehungen. Sie fordert Obama dazu auf, Guantanamo zu schließen, die Truppen aus dem Irak abzuziehen und auch in Afghanistan verstärkt nach diplomatischen und multilateralen Lösungen zu suchen.
Butlers Essay erinnert daran, die zeitliche Begrenztheit dieses phantasmatischen Momentes im Auge zu behalten, und sich auf die notwendige Desillusionierung einzulassen. Doch sie erinnert auch Obama an seine Aufgabe, die Enttäuschung nicht zu groß werden zu lassen, denn sonst wird der politische Zynismus der letzten Jahre zurückkommen.
Nachtrag
Gerald Raunig hat Judith Butlers Text über die Wahl von Barack Obama übersetzt:
Kritikloser Überschwang? Obama als „Erlösung“




