Übergriffigkeit als ‚boys fun‘ beim ZDF

Ich musste heute mal wieder meinen Unmut zum Ausdruck bringen und habe eine Mail ans ZDF geschrieben. In einer Sendung namens „neoparadis“ wurde einfach mal eine Frau von einem Moderator (andeutungsweise) begrabscht, als lustiger Spaß zwischen Kumpels. Worum es genau geht, könnt ihr bei derspringendepunkt.tumbler.com nachlesen. Dort findet ihr auch einen Link zum Youtube Video mit der Sendung.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich wende mich an Sie, um meinen Protest gegen die Sendung “neoparadise” vom 4.10.2012 zum Ausdruck zu bringen. Ich muss an dieser Stelle nicht genauer auf den Inhalt eingehen, weil Sie mit Sicherheit schon eine Reihe von Zuschriften zu dieser Sendung bekommen haben. Nur so viel: Ich finde es schrecklich, wenn sexuelle Übergriffigkeit auf diese Weise verharmlost wird, wenn sich über die Gefühle von Opfern Lustig gemacht wird und so getan wird, als müssten Frauen das halt locker nehmen und wegstecken können. Ist ja nur Spass, eine lustige Wette zwischen Kumpeln, die sich zwar irgendwie merken, dass das „eklig“ ist, aber dann doch rumkumpeln und sich gegenseitig für ihre witzige Aktion auf die Schulter klopfen. Nein, ist es nicht.

Im Übrigen tut es nichts zur Sache, ob die Frau tatsächlich berührt worden ist oder nicht. Für die ZuschauerInnen war das nicht erkennbar. Der Frau zu nahe gekommen ist der Moderator so oder so. Grenzüberschreitendes Verhalten nennt man das.

Es schränkt die Freiheit von Frauen ein, jederzeit damit rechnen zu müssen, dass ihre körperliche Integrität missachtet wird. Diesen Zustand, wie in der Sendung gesehen, unkritisch zu reproduzieren, halte ich für absolut fahrlässig. Mich hat erschreckt, dass anscheinend die gesamte Redaktion bei dieser Sache versagt hat.

Ich verbleibe mit der Empfehlung an die beteiligte Redaktion bzw. Produktionsfirma, ein Antisexismustraining durchzuführen und den verantwortlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt im Sender zum Thema zu machen. Es ist bitter notwendig.

Mit freundlichen Grüßen,

Kathrin Ganz

Update: Mir wurde heute Abend die Standardantwort zugeschickt, die auch der springende Punkt erhalten hat. Darauf habe ich noch mal geantwortet:

Vielen Dank für ihre Antwort. Das wäre doch nicht nötig gewesen! Schließlich handelt es sich darum um eine Standardmail, die ich bereits aus dem Internet kenne. Das Argument, dass es in der Szene nicht zu einer tatsächlichen Berührung gekommen ist, konnte ich in meiner ersten Email darum schon vorwegnehmen. Hätten Sie meine Email gelesen, wäre Ihnen das sicher aufgefallen. Auch war mir bekannt, dass das Einverständnis der Messehostess eingeholt worden ist. Meine Kritikpunkte bleiben also bestehen.

Falls es beim ZDF noch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem kritisierten Inhalt geben sollte, bitte ich Sie, mich darüber zu informieren, ob der Sender etwas zu unternehmen gedenkt, dass dergleichen zukünftig nicht wieder geschieht. Das ist mir wichtiger als schnell ein Feedback auf meine Email zu erhalten, die aus einer bereits bekannten Standardantwort besteht.



15 Responses (Add Your Comment)

  1. Beim ZDF erinnere ich mich jedes Mal an deren Tweet zu unserer Session auf der rp 10, so „ih, Frauen reden über Feminismus, wir wollen einen Shitstorm“. Wo ich auf die Beschwerde erst noch so eine Arschloch-Antwort bekommen habe (von einem Mann) und später (von einer Frau) eine „wir werden das ansprechen, das geht so nicht“ Mail.

    Ich fürchte, der Sexismus dort sitzt tief. Bzw. der Backlash ist in vollem Gange :-/

    http://diegoerelebt.wordpress.com/2011/04/16/cyberfeminismus-republica/

  2. Nach der verruchten Tat ließ sich der anstiftende Moderator zu Wahrheit hinreißen: „Der war das aber auch so unangenehm, die stand ja da wirklich und hat sich auch so richtig entwürdigt gefühlt.“ Um dann mit Spott und Herabwürdigung fortzufahren: „{unverständlich} fährt die jetzt nach Hause und dann wird die schön heulen unter der Dusche.“ Letzteres finde ich fast noch schlimmer!

    Straftaten gehören geahndet und nicht gesendet!!! Punkt!

  3. Danke für deinen Einsatz! Mir bleibt so oft die Sprache weg und ich freue mich über jede und jeden, die bei solchen Dreistigkeiten widerspricht.

  4. Mein spontaner Gedanke:

    Ein Antisexismustraining – und dann? Nur noch Asiaten verarschen?

    Die Übergriffigkeit fing schon bei der Nummer mit der Nase an.

    (Steht ohne Freischaltung in der Mädchenmannschaft, gehört aber sowieso eher hierher.)

  5. @Irene: Ich muss gestehen, dass ich mir nicht die ganze Sendung angesehen habe. Aber das was ich gesehen hab, hat auch noch einige andere Kackscheißekriterien erfüllt. Z.B. die Perücke von dem einen. Da wäre noch einiges mehr anzusprechen, das stimmt.
    Ich habe mit meiner Mail die Nötigung skandalisieren wollen. Ich denke, der Fokus darauf hat dazu beigetragen, dass die „wütenden Blogger“, wie die SZ es erst nannte, etwas Welle schlagen konnte. Aber ich frage mich durchaus, was dadurch gewonnen ist, strategisch nur auf bestimmte Probleme hinzuweisen und andere damit auszublenden/unbenannt zu lassen.

  6. Ich habe mich in der Mail v.a. auf die Sprüche übers Duschen nach Übergriffen konzentiert, nachdem jemand bei Antje darauf hingewiesen hatte und das fast untergegangen war. Nachdem ich von anderen erfahren habe, dass Leute dumm anmachen wohl ein tragendes Element dieser Sendung ist, habe ich einfach nochmal gemailt und vorgeschlagen die Sendung abzusetzen, weil die Pubertät auch ohne solche Vorbilder schon kompliziert genug ist.

    Doppelt hält besser und macht dem ZDF mehr Arbeit :-)

  7. Ich teile Deine Meinung nicht und finde es erstaunlich wie so ein Vorfall zum Untergang des Abendlandes hochstilisiert wird. Als nächstes wird vermutlich für die Beiden die Todesstrafe gefordert. Ich möchte lieber das meine Fernsehgebühren in solche Sendungen fliessen als das diese für einen Studenten drauf gehen, der sich mit der Beantwortung aller Protestmails beschäftigt.

    Vermutlich muss immer irgendeine Sau durch die Bloglandschaft getrieben werden, sonst würdet Ihr ja überhaupt keine Aufmerksamkeit bekommen.

  8. Wundert mich, daß mir was in diesem Fall noch nicht groß Angesprochenes
    aufgefallen ist. Finde auch gerade das Video des Ereignisses nicht; aus dem Kopf: Es waren zwei übergriffige Berührungen, die Dame wirkte zunächst überrascht und schockiert, setzte aber noch im intuitiven zurückweichen binnen Sekundenbruchteilen ein — gleichwohl leicht gequlätes — Lächeln auf.

    Auf theoretischer Ebene ließe sich damit viel Bärklären, auf abstraktester ein Zusammenhang zwischen Subjektivierung und
    Herrschaftsverhältnissen. Daß die Macht durch die Subjekte hindurch wirkt, kann in solchen Fällen nicht als Verharmlosung verstanden werden.

    Konkreter ließe sich das zum einen ausbuchstabieren an
    Rollenerwartungen, welche an „Frauen*“ herangetragen werden — bzw. der Gegenwind, wenn diese nicht erfüllt werden. Hattest Du nicht mal
    irgendwann die Aufnahme einer Schauspierin verlinkt, bei der es auf viele irritierend wirkte, daß sie in einem Trivial-Gespräch einfach nicht lächelte? Umso gruseliger, wenn auch sich als feministisch verstehende sich zu Agent*innen derartiger Erwartungen machen und den Ärger
    ihrer Konkurrent*innen gegen als Delegitimierung verwenden; mit sowas -
    und
    nicht nachdenken
    — gibt’s halt Medienpräsenz für …

    Zum anderen, eng damit verknüpft, wäre es ein guter Aufhänger für eine Bärklärung des Konzepts „Sexueller Arbeit“. Gerade da sie ja nicht nur als „Frau*“, sondern auch als Servicekraft(F) gerlernt hat, bei jedem Sch… ein nettes Lächeln aufsetzen zu müssen. Daß dieser Mechanismus auch in solchen Situationen klappt zeigt, wie tief solche Verhaltens–
    und Empfindungsmuster gehen.

    Nicht nur wurde diese Person übergriffig behandelt, nicht nur wurde dies nicht als Unrecht anerkannt. Ihr wurde letztlich auch strukturell eine angemessene Reaktion und angemessenes Empfinden dazu verwehrt. Und das regt mich auf.

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